Jedes Jahr bietet Terre des hommes Freiwilligen die Möglichkeit zu einer Studienreise, um sie besser für Gesundheits-, Ernährungs- und Kinderschutzprojekte zu sensibilisieren. Dabei werden sie von einem Mitarbeiter des Hauptsitzes begleitet. Die diesjährige Reise wurde von der Asienabteilung organisiert und führte nach Indien. Nach einem langen Flug mit Zwischenlandung in Dubai sind wir gut in Kalkutta angekommen.
Sofort wird uns klar, dass wir uns in einer anderen Welt befinden. Das Klima ist heiss und feucht, die Gerüche und Luftverschmutzung geben eine Vorahnung auf das Kommende. Am meisten erstaunt uns aber die Ruhe, die die Bewohner ausstrahlen. Selbst wenn auf der Strasse ein einziges Hupkonzert stattfindet, spürt man keinerlei verbale Gewalt, und das bei einem so dichten Verkehr wie wir ihn alle noch nie gesehen haben.
Voller Ungeduld erwarten wir die erste Begegnung mit einer unserer indischen Delegationen (SSDC). Tdh gibt der Zusammenarbeit mit lokalen Mitarbeitern den Vorzug, und mit Ausnahme des Delegierten sind alle Teammitglieder indischer Herkunft. Wir werden herzlich empfangen und auf ein reichhaltiges Programm vorbereitet.
Schon im Morgengrauen brechen wir Richtung Sundarbans auf, die einzige Möglichkeit, Kalkutta einigermassen problemlos zu verlassen. Unterwegs bieten uns Alltagsszenen ein abwechslungsreiches Spektakel. Bei unserem ersten Besuch im Sozial- und Entwicklungszentrum inmitten der Sundarbans, in Westbengalen, werden wir sehr nett empfangen. Frau Dr. Charulatha erklärt uns ihre Arbeit in den Dörfern und wie die Kinder ärztlich betreut werden. Ein Kind, das zur Gewichtskontrolle kommt, macht uns betroffen. Es wird in eine Gurtvorrichtung gesetzt, die an einer Hängewaage befestigt ist. Es ist die Stunde der Wahrheit: Der 12 Monate alte Junge wiegt nur 4,6 kg. Charulathas strahlendes Gesicht verdunkelt sich. Sie gibt die Anweisung, den Durchmesser seines Ärmchens mit einem kleinen Messband zu überprüfen, er befindet sich im orangen Bereich. Sie befragt die Mutter und das Personal und lässt das Kind in die neue Ernährungsabteilung von Terre des hommes überweisen, die im Juli 2011 ihre Tore geöffnet hat. Dazu muss das Einverständnis des Vaters eingeholt werden. Zu unserer Erleichterung widersetzt er sich nicht, und noch am selben Abend sehen wir den kleinen Jungen in einem der Klinikbetten liegen, in Begleitung seiner Mutter. Terre des hommes stellt in dieser Klinik zehn Betten bereit, die Kinder bleiben im Durchschnitt zwei Wochen hier, die Zeit, die sie brauchen, um ihr Idealgewicht wieder zu erreichen. Dazu erhalten sie eine ausgewogene Ernährung und Ergänzungsnahrung namens F75 bzw. F100.
Dann fahren wir ins Delta des heiligen Flusses Ganges, wo wir auf einem Boot ein bescheidenes Picknick einnehmen. Hier sorgen immer häufiger auftretende Überschwemmungen für Verwüstungen. Wir setzen die Reise fort und mischen uns in einer Schule unter die Schüler, die uns eine schöne Vorführung zum Thema Hygiene geboten haben. Wir entdecken die brandneuen Toiletten und Waschbecken, die Kindern und Lehrpersonen zur Verfügung stehen. Für uns etwas ganz Normales, doch hier kommt es einem Sieg gleich, wenn die Latrinen benutzt werden. Vor allem von der älteren Generation, bei der die Erfahrung und Geduld des Personals gefordert sind. Aber auch die Kinder spielen eine sehr wichtige Rolle, da sie in ihren Familien als Ausbilder wirken. Und der Erfolg lässt nicht auf sich warten. Seit sechs Monaten ist kein Kind mehr gestorben!
Am nächsten Tag fahren wir nach Narendrapur, um ein Aufnahmezentrum für sexuell missbrauchte Kinder zu besichtigen. Das Zentrum wird von unserem Partner Sanlaap geführt. In dieser gut geschützten Einrichtung geraten wir in eine besondere Situation, denn wir wussten nicht wirklich, was uns hier erwarten würde. Die Kinder mit einer schweren Vergangenheit grüssen uns, aber wir spüren, dass etwas nicht stimmt. Man erklärt uns, dass die Mädchen eben erst angekommen seien und noch unter Schock stünden. Sie werden vom spezialisierten Personal eng betreut und müssen sich in den ersten drei Monaten an keinerlei Regeln halten. Um die Resozialisierung der anderen Kinder nicht zu behindern, werden sie von ihnen getrennt. Wir besichtigen anschliessend die Ateliers, wo Mädchen blassen Stoffen eine Farbnote geben, nähen oder Schmuck anfertigen. Ihre Kreationen werden vor Ort oder auf dem Markt verkauft. Für uns ist es eine Freude, Souvenirs mit einem grossen symbolischen Wert nach Hause mitzunehmen.
Diese Besichtigung wird einer der stärksten Momente dieser Reise bleiben. Zum Schluss fahren wir noch nach Südindien, in die Region Andra Pradesh, genauer gesagt nach Regulanka und in die Umgebung von Srikakulum. Wir besichtigen Programme für Siedlungshygiene, die von den beiden lokalen Organisationen ASM und KISES durchgeführt werden. Die Präsidentin unserer Freiwilligengruppe Liechtenstein erwartet eine kleine Überraschung: Sie wird gebeten, in Anwesenheit des Personals und der Lokalpresse einen neuen Brunnen einzuweihen. Ein sehr emotionaler Augenblick. Ausserdem konnten wir uns ein Bild machen von der Hilfe, die Fischerdörfer nach dem Tsunami und den grossen Überschwemmungen von 2009 erhalten haben: Fischernetze, Kühlboxen für die Lagerung der Fische und vor allem auch die Instandsetzung von Booten, all das dank der Finanzierung unserer grosszügigen Spender.
Damit endet unsere einwöchige Reise, nach der jede und jeder von uns mit einem besseren Verständnis der Arbeit vor Ort nach Hause kommt, voller Motivation, unser Engagement als Freiwillige oder bezahlte Mitarbeitende fortzuführen.
Weitere Informationen zu den Aktionen von Terre des hommes in Indien
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